Samuel Kastriener

* 14. Oktober 1871 in Temeswar (Banat, Österreich-Ungarn) † 22. Oktober 1937 Temeswar (Banat, Rumänien).

von Eduard Schneider

Leben und Werk

Samuel Kastriener kam nach dem Umzug der Eltern als Kind nach Budapest, wo er die Schule besuchte und seine erste journalistische Ausbildung erhielt; nach beruflichen Bildungsreisen, die ihn unter anderem nach Deutschland, in die Schweiz und nach Frankreich führten, ließ er sich um 1890 in der rumänischen Hauptstadt als Mitarbeiter des Bukarester Lloyd nieder. Bei der 1897 erfolgten Rückkehr in seine Geburtsstadt Temeswar (rum. Timișoara, ung. Temesvár) wurde er von Chefredakteur Armin Barát als Redakteur der Temesvarer Zeitung angestellt; danach war er für die Südungarische Reform und das Satireblatt Die Posaune tätig. Das 1902 von ihm ins Leben gerufene Temesvarer Volksblatt, die erste Boulevard-Zeitung des Banats, leitete er bis 1919. In diesem politischen Tagblatt, das sich an breite Leserschichten wandte, setzte sich der demokratisch gesinnte Journalist streitbar für die Interessen der kleinen Leute, des Gewerbestands und der Arbeiterschaft ein. Im Zusammenwirken mit dem Publizisten Mihály Pogány gründete Kastriener 1912 die Temeswarer Hunyadi-Druckerei, die Zeitungen im Rotationsverfahren druckte und bibliophil gestaltete Bücher herstellte. Unter anderem kamen Josef Trostlers frühe Studien zur deutschen Literatur dort heraus. Zuletzt gab Kastriener das belletristische Wochenblatt Feierabend und ein Wirtschaftsblatt heraus. Am Kulturleben Temeswars und im Besonderen der israelischen Kultusgemeinde nahm Kastriener als Förderer und Mitgestalter regen Anteil. Dank der Kontakte, die er mit Personen aller ethnischen Gruppen der Vielvölkerstadt pflegte, war er eine stadtbekannte Erscheinung. Kastriener unterstützte die Bekanntmachung der Traditionen des Judentums, gehörte zu den Initiatoren eines jüdischen Lyzeums in Temeswar, bereitete 1932 die öffentliche Goethe-Feier der Kultusgemeinde vor und war Festredner bei einer dem Dichter und Publizisten Viktor Orendi-Hommenau gewidmeten Veranstaltung. Seine lesenswerten Erinnerungen an Alt-Temeswar erschienen in der Zwischenkriegszeit in der Temesvarer Zeitung und in dem ungarischen Blatt Temesvári Hírlap [Temeswarer Nachrichten]. Auch Übersetzungen Kastrieners ins Deutsche (Ferenc Herczeg, Sándor Bródy, Frigyes Karinthy, Mihály Pogány, Sándor Asztalos) beziehungsweise Ungarische (Heine, Klabund, Franz Xaver Kappus) wurden in der lokalen Presse veröffentlicht. 1929 wurde er Mitglied der Temeswarer János Arany-Gesellschaft. Als Rezensent besprach Kastriener für die Temesvarer Zeitung, deren Gastmitarbeiter er besonders nach 1930 wurde, eine Reihe von belletristischen Neuerscheinungen einheimischer jüdischer Verlage, darunter die ungarische Fassung eines Romans von Louis Golding, einen Roman von Rodion Markovits und mehrere Bücher des Zionisten und Heine-Übersetzers János Giszkalay, die jüdisches Leben in Geschichte und Gegenwart thematisieren. Auch Kastriener war ein Befürworter der zionistischen Bestrebungen. 1936 unternahm er eine Reise nach Palästina, um, wie ein Pressebericht mit Momentaufnahmen aus seiner „Reisemappe“ belegt, vor Ort Eindrücke zu sammeln.

In deutscher Sprache trat Kastriener auch mit zwei Buchveröffentlichungen hervor. Die in der Kriegs- und Nachkriegszeit angesiedelten Erzählungen des Bandes Weitere Verlustlisten (1931) haben pazifistischen Charakter. Dort werden durch den Krieg verursachte physische und psychische Traumatisierungen, mit wirtschaftlichem Ruin einhergehende gesellschaftliche Schäden und Störungen in den zwischenmenschlichen Beziehungen behandelt. Deutsche, Franzosen, Belgier, Amerikaner, Ungarn, russische Emigranten, Rumänen und Deutsche aus Rumänien, Wiener Juden, Gläubige und Gleichgültige, Bürgerliche und Adelige, Proleten, kleine Handwerker, Gewerbetreibende und Bauern bilden das kosmopolitische Figurenensemble der Prosastücke. Hervorzuheben ist Die Kriegsbigamie, eine Erzählung aus Rumänien, die sich auch durch ihre Durchgestaltung von den übrigen, literarisch weniger relevanten Texten unterscheidet. Geschildert wird in gedrängter, chronikartiger Darstellung die berührende Geschichte des Streckenwächters und Soldaten Petrescu aus dem Prahova-Tal, der nach langem Umherirren zwischen den Fronten auf wirren Wegen über Sibirien zwar heimkehrt, dann aber, andere mit sich reißend, als Kriegsopfer post bellum tragisch endet. Kastrieners Antikriegsbuch, das durch die Präsentation exemplarischer Schicksale von überall gleichzeitig für den Weltfrieden plädiert, für eine aus der ganzen Menschheit zu bildende „Riesenarmee gegen den Kriegsgedanken“ (Einführung), nimmt durch seine Thematik und Tendenz eine Sonderstellung in der rumäniendeutschen Literatur der Zwischenkriegszeit ein.

Kastriener starb an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Er wurde in einem Ehrengrab der Temeswarer Innerstädtischen israelischen Kultusgemeinde bestattet.

Werke

  • Asien im Krieg. Drei Monate im mohammedanischen Osten. Temeswar, Hunyadi-Buchdruck, 1915
  • Weitere Verlustlisten. Temesvár, Moravetz Verlag, 1931.

Sekundärliteratur

  • Edgár Balogh (Hg.): Romániai magyar irodalmi lexikon [Lexikon der ungarischen Literatur Rumäniens]. 2. Bd. București, Kriterion, 1991, S. 642.
  • Eduard Schneider (Hg.): Literatur in der „Temesvarer Zeitung“ (1918–1949). Einführung, Texte, Bibliographie. München, IKGS, 2003, S. 24f., 248–256, 472. [Bibliographie auf der beigelegten CD-ROM]
  • Eduard Schneider: Erinnerung an S. K. Zum Wirken des Banater jüdischen Autors in der Zwischenkriegszeit. In: Anton Schwob, Stefan Sienerth, Andrei Corbea-Hoisie (Hgg.): Brücken schlagen. Studien zur deutschen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts. Festschrift für George Guţu. München, IKGS, 2004, S. 273–283.

Weblinks


Zitation

Eduard Schneider: Samuel Kastriener. In: Donau-Karpaten-Literatur: Lexikon zur deutschsprachigen Literatur aus Zentral- und Südosteuropa (2019). URL: https://dokalit.ikgs.de/kastriener-samuel (Stand: 07.5.2024).

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